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„das neue Gewand“

heute, am 28. Mai vor 900 Jahren, also im Jahre 1115, ist der hl. Norbert, der Gründer der Prämonstratenser auf einem Ritt vom Blitz getroffen, vom Pferd gestürzt. Dieses dramatische Erlebnis hat seine Bekehrung ausgelöst.
Genau an diesem Tag ist auf dem Stiftsplatz die Skulptur „Das neue Gewand“ (Plastik des hl. Norbert) von Christian Moschen angekommen und aufgestellt worden. (Text „Stift Wilten“)

An der 2,5 m hohen und insgesamt ca. 23 m langen nörd- lichen Begrenzungsmauer des Stiftsvorplatzes wurde ein Ausschnitt aus dem Absatz »Eine Bekehrung« aus Martin Bubers »Autobiographischen Fragmenten« installiert.

 

 

 

Texttafeln

Stift Wilten

Prämonstratenser Chorherren

Künstlerische Gestaltung von zwei Objekten am Vorplatz der Stiftskirche Wilten in Innsbruck, anlässlich des 900-Jahr-Jubiläums der Bekehrung des hl. Norbert, des Gründers des Prämonstratenserordens, im Jahre 2015.

Vorbemerkung:

Zum besonderen Lebensabschnitt, der Bekehrung des hl. Norbert, welcher als Grundlage der künstlerischen Inspiration beider Objekte betrachtet werden kann:

Das Leben des ca. 30-jährigen Norbert v. Xanten (* 1080/ 1085 in Gennep oder Xanten; † 6. Juni 1134 in Magdeburg) scheint sich in vorgezeichneten, abgesicherten Bahnen zu entwickeln. Als Hofkaplan Kaiser Heinrichs V. nahm er an dessen Romzug teil, auf dem der Salier 1111 zum Kaiser gekrönt wurde. In der Folge, im Jahre 1115, soll sich ein Bekehrungserlebnis abgespielt haben: Ein Blitzschlag habe ihn auf einem Ritt zum Damenstift Vreden zu Boden gerissen. Norbert wandte sich von seinem bisherigen verweltlichten Leben ab und ließ sich zum Priester weihen. Er vertauschte seine seidene Kleidung mit einem härenen Gewand und wurde zu einem späteren Zeitpunkt, bedingt durch dieses Erlebnis, zum Ordensgründer der Prämonstratenser.

zu Objekt 1 – die Plastik des heiligen Norbert: DAS NEUE GEWAND

Das oben beschriebene »Damaskus-Erlebnis« wird vom Bildhauer Christian Moschen als ›stürzende Reiter/Pferd – Plastik‹ in geschmiedeten und verschweißten 5 mm starken Stahlblechteilen dargestellt. 3 mm starke Stahl- blechtafeln an einem verdeckten Formstahlgerüst verschweißt, bilden schiefe Ebenen und damit den Sockel der Plastik. Maße: H/B/T ca. 3,4 m / 3,3 m / 2,5 m

zu Objekt 2 – die Textinstallation: METANOIA – Umkehr des Denkens

An der 2,5 m hohen und insgesamt ca. 23 m langen nörd- lichen Begrenzungsmauer des Stiftsvorplatzes wurde ein Ausschnitt aus dem Absatz »Eine Bekehrung« aus Martin Bubers »Autobiographischen Fragmenten« installiert.

Idee und Konzept: Christian Moschen
Textumsetzung: Clemens Bartenbach in speziell von ihm entwickelten Schriftzeichen in Graffititechnik

Dazu aus dem Absatz mit dem Titel »Eine Bekehrung« aus Martin Bubers »Autobiographischen Fragmenten«: (1963, S. 22)

»Es ereignete sich […], dass ich einmal, an einem Vormittag nach einem Morgen ›religiöser Begeisterung‹, den Besuch eines unbekannten jungen Menschen empfing, ohne mit der Seele dabei zu sein. Ich ließ es durchaus nicht an einem freundlichen Entgegenkommen fehlen, ich behandelte ihn nicht nachlässiger als alle seine Altersgenossen, die mich um diese Tageszeit wie ein Orakel, das mit sich reden lässt, aufzusuchen pflegten, ich unterhielt mich mit ihm aufmerksam und freimütig – und unterließ nur, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte.

Diese Fragen habe ich später, nicht lange darauf, von einem seiner Freunde – er selber lebte schon nicht mehr (er fiel zu Anfang des Ersten Weltkrieges) – ihrem wesentlichen Gehalt nach erfahren, erfahren, dass er nicht beiläufig, sondern schicksalhaft zu mir gekommen war, nicht um Plauderei, sondern um Entscheidung, gerade zu mir, gerade in dieser Stunde.«

Absatz-Ausschnitt der Textinstallation:

»Was erwarten wir, wenn wir verzweifeln und doch noch zu einem Menschen gehen? Wohl eine Gegenwärtigkeit, durch die uns gesagt wird, dass es ihn dennoch gibt, den Sinn. Seither habe ich jenes ›Religiöse‹, das nichts als Ausnahme ist, Herausnahme, Heraustritt, Ekstasis, aufgegeben oder es hat mich aufgegeben. Ich besitze nichts mehr als den Alltag, aus dem ich nie herausgenommen werde. […] Ich kenne keine Fülle mehr als die jeder sterblichen Stunde an Anspruch und Verantwortung.«

Diese »Bekehrung« hatte eine einschneidende Wirkung auf Bubers Biographie: »Infolge dieses traumatischen Erlebnisses, wohl auch einer allmählichen inneren Wandlung während des Ersten Weltkrieges – er selbst spricht von einer ›Bekehrung‹ – begann Buber in der Realität des irdischen Lebens Fuß zu fassen. Von da an wandte sich sein Denken einer gelebten historischen Wirklichkeit samt ihren Widerständen und Forderungen zu. Auf diesem Hintergrund entstand seine dialogische Weltanschauung.«

(Schapira 1985, 425f.)